
"Auf Wiedersehen, Tal der Hohlköpfe!": Jaroslav Rudis neuer Roman "Vom Ende des Punks in Helsinki"
056 Literatur 0614 Film 034 Musik 040 Theater 048 Spiel 055 Kunst 060 Termine 070 Punk’s not dead, I know it’s not!«, krakeelte in dem gleichnamigen Song von 1981 die schottische Punkrock-Band »The Exploited«. Aber schon damals war das weniger eine Feststellung als ein trotzig-trauriger Abgesang. Und heute? Ist Punk höchstens noch als Modezitat lebendig – und in der Erinnerung. Darum geht es in »Vom Ende des Punks in Helsinki«, dem vierten Roman des Prager Schriftstellers Jaroslav Rudiš, in Deutschland vor allem bekannt durch seine Graphic-Novel-Trilogie »Alois Nebel«. In einer ostdeutschen Großstadt – ihr Name fällt an keiner Stelle, aber bereits auf den ersten Seiten erkennen wir Leipzig wieder – betreibt der Ex-Punk Ole seine Bar »Helsinki«. Das »Hel- sinki« ist ein Rückzugsort für Punk-Veteranen und andere Outlaws, die vor der fortschreitenden Gentrifizierung ihres Kiezes in die innere Emi- gration gegangen sind. Doch die Tage auch dieser letzten Zeitkapsel scheinen gezählt: Als die Wühlarbeiten für den City-Tunnel seine verrauch- ten Mauern zum Wackeln bringen, soll das »Helsinki« geschlossen werden. Oles Welt, das alte Leipzig mit seinen bröckelnden Fassaden und schmierigen Kaschemmen, ist dem Unter- gang geweiht. Und ihn selbst hat pünktlich zu seinem 40. Geburtstag die Midlife-Krise so voll erwischt, dass der einstige Punkrocker und Frauenheld sogar von Musik und Sex nichts mehr wissen will. Aber das hilft Ole nicht weiter, denn die Vergangenheit sitzt ihm im Nacken. Im Spätsommer 1987 reist Ole mit seinen Punk- Kumpels nach Pilsen, wo auf einem »Friedens- festival« Die Toten Hosen spielen. Dort verliebt er sich in die 16-jährige Punkerin Nancy aus dem Altvatergebirge (der Heimat Alois Nebels). Weil beide von der realsozialistischen Tristesse gründlich die Nase voll haben, beschließen sie, gemeinsam über die nahe Grenze in die BRD zu flüchten. Aber alles geht schief. Die Besitzer der Scheune, in der sie übernachten – und in der Ole sein erstes Mal erlebt –, verraten sie. Während sich Nancy beim Wegrennen nach ihm umschaut, wird sie von einem Lastwagen überfahren und stirbt. Ole und seine Freunde Frank und Malcolm fliegen von der Schule und gründen die Band »Automat«, »ein schmuddeliges Elektropunk- Unikat«, mit dem sie recht erfolgreich werden. Doch der Ruhm währt nur kurz. Auf einer Tour durch Finnland 1990 kommt heraus, dass Mal- colm ein Stasi-Spitzel war. Die Band bricht aus- einander, der geplante Auftritt in Helsinki findet nie statt. Zwischen diesen Rückblenden und der Gegen- wartshandlung sind Nancys Tagebuchaufzeich- nungen eingeschaltet. Darin offenbart sich die ganze Trostlosigkeit des Punkerdaseins im »Tal der Hohlköpfe«: »Absolut tote Hose. Nix los. Einfach nur Scheiße. Wenn ich darüber nach- denke, gilt das für das ganze Land. Wenn man das Radio anmacht, quillt nur Scheiße heraus oder Karel Gott.« Bei Nancys Leidensgeschichte in der tschechoslowakischen Provinz – das sozi- alistische Spießertum mit dem ewigen Schweine- braten, die Sauferei, das nervenaufreibende Warten auf die Periode – lässt Rudiš seinem Erzähltalent freien Lauf. Wie Wolfgang Herrndorf in seinem Roman »Tschick« vermag er den Jargon einer Jugendlichen so authentisch wieder- zugeben, dass es keinen Augenblick aufgesetzt oder peinlich wirkt. Eva Profousová hat hier eine kongeniale Übersetzung geschaffen, die den Leser völlig vergessen lässt, dass er nicht das Original liest. »Vom Ende des Punks in Helsinki« ist eine große tschechisch-deutsche Liebesge- schichte, witzig, ohne je in Klamauk, tieftraurig, ohne je ins Sentimentale abzugleiten. Am Schluss ist Ole verschwunden. Aber er ist nicht, wie er seine Freunde glauben lässt, nach Helsinki gereist, sondern dahin, wo 1987 ihre Flucht in den Westen gescheitert war. Er findet den Mann, der sie damals an die Grenzer verra- ten hat. Dieser überlässt ihm einige Fotos und Nancys Tagebuch. Darin wird er erfahren, dass Nancy ihrerseits in der Scheune mit ihm kei- neswegs ihr erstes Mal erlebt – und dass sie an einer unheilbaren Krankheit, vermutlich Krebs, gelitten hat. Selbst wenn die Flucht gelun- gen wäre, eine gemeinsame Zukunft hätte es nie gegeben. In Nancys Tasche findet Ole eine halb leerge- rauchte Schachtel Zigaretten. »Auf der Zigaretten- schachtel prangt in Großbuchstaben das Wort START.« Ohne einen Hoffnungsschimmer mochte Jaroslav Rudiš seinen Roman wohl doch nicht enden lassen. Wer will, darf diesen Schlusssatz als ein Lebenszeichen deuten: »Punk’s not dead!« Nancys letzter Tagebucheintrag lautet: »Auf- wiedersehen Tal der Hohlköpfe. Morgen legen wir los.« Wer weiß, vielleicht geht es ja tatsäch- lich wieder los. Eines Tages. Irgendwann. OLAF SCHMIDT ▶ Jaroslav Rudiš: Vom Ende des Punks in Helsinki. Aus dem Tschechischen von Eva Profousová. München: Luchterhand Literaturverlag 2014. 352 S., 14,99 € Tieftraurig, aber nicht hoffnungslos: Jaroslav Rudiš’ neuer Roman »Vom Ende des Punks in Helsinki« »Im Radio: Nur Scheiße oder Karel Gott« »Auf Wiedersehen, Tal der Hohlköpfe!« Setzt dem Ost-Punk ein literarisches Denkmal: Jaroslav Rudiš PETRHLOUŠEK