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kreuzer 09/14 - Musik

Club der pessimistischen Tänzer: Leipzigs Clublandschaft hat sich verändert

Film 036 Spiel 044 Theater 056 Literatur 064 Kunst 068 Termine 086046 Musik 0914 Ende April war das Knistern in Leipzigs Clubwelt fast nicht mehr zum Aushalten: Die Eröffnung des Instituts für Zukunft (IfZ) wurde von einer Spannung begleitet, wie sie die hiesige Musikszene selten erfüllt. Diese Aufgeregtheit resul- tierte nicht unbedingt aus erfolgreicher Öffentlichkeitsarbeit. Vielmehr lässt sie sich als eine logische Folge von sozialen Veränderungen und der Clubgeschichte in Leipzig begreifen. Die frühen Wurzeln des IfZ liegen in der Veranstaltungs- reihe Homoelektrik, deren Partys zwischen 2001 und 2010 an immer anderen, legalen wie illegalen Plätzen eine alternative Feierkultur etablierten. Mit performativen und visuellen Ele- menten sowie einem klaren politischen Konzept füllten sie die Besonderheiten der jeweiligen Locations individuell aus und interpretierten sie oft auch neu, egal ob in verlassenen Fabrikgebäuden, unter Brücken, freiem Himmel oder in bereits bekannten Clubs. Neben dem Bewusstsein für Stadtraumer- mächtigung gehörten Hierarchiefreiheit, sicherer Drogenge- brauch, Frauenförderung sowie die Akzeptanz aller Geschlech- teridentitäten zur Musik dazu. Mit der Zeit wurde es aber nicht nur schwieriger, neue Orte zu finden, sondern es kamen auch immer mehr Besucher, deren schiere Masse für das nichtkommerziell agierende Orga-Team kaum mehr zu stem- men war, von der Vermittlung des politischen Anspruchs ganz zu schweigen. Auch eine durch neue Drogen veränderte Atmosphäre und das Älterwerden der Organisatoren führten schließlich zum inoffiziellen Ende von Homoelektrik. Doch die Begeisterung blieb – wer einmal auf einer solchen Party war, wollte weitermachen. Zumal viele Musikfans durch den Ruf Leipzigs als Stadt, in der Gesellschaftskritik und euphorische Technomusik zusammengehen, überhaupt erst hierhergezogen waren. Aus diesem Dunstkreis bildeten sich seit 2009 neue Veranstaltungscrews, die mit Partys in Westwerk, UT Connewitz oder auch im Freien den Spirit weitertragen wollten. Wunsch und Mut, einen eigenen Club zu eröffnen, wuch- sen währenddessen aus mehreren Faktoren. Einerseits hat sich über die Jahre aus diesen sich überschneidenden Freundes- kreisen ein Szene gefunden, die ähnliche musikalische Ideen und eine emanzipatorische Vorstellung des miteinander Umge- hens und Feierns teilt. Zugleich ist es inzwischen kaum noch möglich, sich ungenutzter Räume zu bemächtigen und diese umzudeuten. Zum Teil, weil es diese einfach nicht mehr gibt, aber auch, weil Polizei und Behörden wachsamer geworden sind. Angesichts immer engerer Spielräume bei gewachsenem Auf- wand für temporäre Events war die Freude über den vor drei Jahren entdeckten und schließlich gemieteten Nebentrakt des Kohlrabizirkus folglich groß. Statt räumlicher Interventionen gibt es jetzt also feste Ver- antwortlichkeiten und finanzielle Entlohnung für die Mitar- beiter – ein schmaler Grat zwischen Gesellschaftskritik, Selbstverwirklichung und Wirtschaftlichkeit. Auch die Tür- politik ist sicherlich eine Reaktion auf frühere Erfahrungen: Den Vibe einer Veranstaltung wollen die Betreiber nun selbst in der Hand behalten, was auch bedeutet, dass Einlassent- scheidungen je nach Konzept eines Abends unterschiedlich aus- fallen können. Denn das IfZ will mehr sein als ein Club, ein Institut eben, mit Atelier- und Proberäumen im Obergeschoss, zu deren Mietern Musiker wie Steffen Bennemann, Webermi- chelson und Juno6 oder das Design- und Musiklabel Modern Trips gehören. Das lässt auf künstlerische Synergieeffekte hoffen, die durch den Verein, der Workshops und Diskussions- runden plant, noch verstärkt werden sollen. Bleibt die Frage, inwieweit Leipzig überhaupt einen weiteren Veranstaltungsort verträgt. Mit dem Conne Island ist das IfZ eng verbunden, es fungierte sogar als Ratgeber. Hilfsangebote kamen ebenso von dem bisher von den Medien eher als Kon- trast stilisierten Täubchenthal. Und die Distillery kann sich über die Stärkung des Standortes freuen. Aber auch alle ande- ren Akteure der Szene sollten sich nun um eine klarere, jeweils eigene Profilierung ihres Programms kümmern. Dass ein Erfolg dieses gewachsenen Clubangebots überhaupt möglich scheint, ist sicherlich auch der veränderten Bevölkerungsent- wicklung in Leipzig zu verdanken. Der vermehrte Zuzug von jungen, sich möglicherweise nach »Hipness« sehnenden Menschen ist aber auch eng verbunden mit der Sorge um sozi- ale Verdrängung im Stadtraum. Natürlich ist dies dem Institut für Zukunft nicht vorzuwerfen, auch wenn die neue Partybrücke mit S-Bahn-Anschluss eine ideale Anbindung für die zu erwar- Im Dunstkreis von Gesellschaftskritik und euphorischer Technomusik: Das Institut für Zukunft FranZiskabartH Club der pessimistischen Tänzer Wer einmal auf einer Homoelektrik- Party war, wollte weitermachen ANZEIGE Neue Drogen, weniger Freiräume, mehr Hipness: Leipzigs Clublandschaft hat sich verändert. Selbst der Hype um den neuen Technoclub IfZ ist schon verblasst. Doch könnte er ein letzter Fluchtraum sein

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