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kreuzer_04_2015 - Film

Hauptsache fordern: Das Gegenkino-Festival gibt sich körperbetont

Film 036 0415 Spiel 042 Musik 044 Theater 054 Literatur 064 Kunst 068 Termine 086 Odenwald Gay, Gollum, Klaus, 60 Jahre alt, schwul, Sklave.« Klaus Johannes Wolf sitzt nackt und angekettet auf dem Sofa und stellt sich der Kamera vor. Er ist »Der Unfertige«, der Mittelpunkt des gleichnamigen Dokumentar- films von Jan Soldat. Der junge Chemnitzer Filme- macher kratzt in seinen kurzen Filmen immer wieder an der menschlichen Natur, zeigt BDSM- Praktiken und Rollenspiele, vornehmlich mit älteren Protagonisten. Dabei führt er sie nie vor, er beobachtet und nimmt ihre Sehnsüchte ernst, mögen sie auch noch so seltsam erscheinen. In »Haftanlage 4614«, dem neuen Werk von Jan Soldat, das in diesem Jahr im Panorama der Berlinale seine Weltpremiere feierte, begleitet er die Wärter und Insassen eines selbst errich- teten Gefängnisses, in dem sich Menschen freiwillig foltern und erniedrigen lassen. Wie selbstverständlich reden sie über ihre Obsessio- nen, während sie in Handschellen an die Gitter- tür gefesselt sind. »Ein wunderbar feinfühliger Film«, meint Stephan Langer, Kurator des Leip- ziger Festivals Gegenkino. »Jan Soldat lotet die Randzonen der Sexualität aus. Sex und Körper stehen bei ihm im Mittelpunkt, aber nicht wie in ›Fifty Shades of Langeweile‹. Hier geht es um etwas Existenzielles, nicht darum, die Leute anzugaffen, auch wenn das Ganze schon einen gewissen Skurrilitätsfaktor hat.« Langer ist Teil eines Teams aus Filmenthusi- asten, die es sich auf die Fahne geschrieben haben, »die Menschen mit Dingen zu konfrontie- ren, die sie in ihrem Alltag sonst nicht sehen«. Zum zweiten Mal veranstalten sie deshalb im April das Gegenkino-Filmfestival. »Die meisten Festivals in Leipzig sind geografisch orientiert. Die Französischen Filmtage, die Argentinischen – unser Ziel war es, das Festival thematisch zu orientieren. Was passiert im Kino gegen die Kon- ventionen?« Inga Brantin, die sich selbst als Emotionsbeauftragte bezeichnet und zudem für die Pressearbeit zuständig ist, erzählt: »Wir waren von der ersten Auflage ziemlich beein- druckt. Trotz des sperrigen Programms konnten wir über 1.000 Besucher für unsere Idee von Kino begeistern. Danach waren wir ausgebrannt und es war unklar, ob es ein zweites Gegenkino geben würde, zumal die Vorbereitungen zeitin- tensiv sind und nicht immer ganz reibungsfrei ablaufen, weil es alle enorm fordert.« Stephan Langer ergänzt: »Die starke Resonanz war auf jeden Fall eine Bestätigung für uns, dass das Publikum eben nicht dumm ist und sich gerne fordern lässt.« Die Körperlichkeit im Kino stellt einen Schwer- punkt in diesem Jahr dar und wird auch bei der Sektion »Vaginale« im Mittelpunkt stehen. »Wir wollten schauen, was geht im Bereich expliziter Filmstoff, postfeministische Strömungen beob- achten und weibliche Lust auch aus weiblicher Sicht zeigen. Viele Filme über Frauen, über ihr Lustempfinden, Sex, werden ja von Männern gemacht. Herausgekommen ist eine bunte, sehr abwechslungsreiche Programmsektion«, so Brantin. Auch der junge deutschsprachige Film ist im Fokus. »Es gibt im Kino ja immer mehr deutsche Filme, die allerdings gängigen ästhe- tischen Standards verhaftet sind und es nicht wagen, auch mal erzählerische Extravaganz an den Tag zu legen.« Dass das auch anders geht, zeigt zum Beispiel »Soldate Jeannette« des öster- reichischen Filmemachers Daniel Hoesl, der 2014 den Hauptpreis beim Filmfestival in Rotter- dam gewann. Entstanden ohne Drehbuch und mit einem Mikrobudget, löst sich Hoesls kunst- volles Porträt einer Frau von den eingefahre- nen narrativen Spuren und sorgte auch auf dem Sundance Filmfestival für Diskussionen. Ergänzt wird das Programm durch eine Video- kunstausstellung, die den Rahmen des Kinos sprengt und sich auf viele Leinwände verteilt. Zum Austausch bietet sich auch die Podiums- diskussion zum Thema »Pussypop, Pornographie, Gesellschaft und Film« in der Schaubühne an oder eine Nacht im Institut für Zukunft, »wo es Filmloops und die Body Noise-Gender Hacking Performance »The Violinist« des spanischen Duos Quimera Rosa erstmals in Deutschland zu erleben gibt. Bei der Musik gibt es vornehmlich female booking. Das wird ein flimmerndes Wunderland.« Wie die meisten der Filmemacher wird auch Jan Soldat, mit seinen Filmen regel- mäßiger Gast bei der Nacht des radikalen Films, anreisen, um sich im UT Connewitz, einer wei- teren Brutstätte der filmischen Innovation, der Diskussion zu stellen. LARS TUNÇAY ▶ Gegenkino-Festival: 16.–26.4., UT Connewitz, Schaubühne Lindenfels, Luru-Kino, Vorverkauf im Buchladen neben dem UT Connewitz, Filmgalerie Westend, www.gegenkino.de Hauptsache fordern Gegenkino: Das Filmfestival abseits der Konventionen gibt sich körperbetont Einer der Beiträge des körperbetonten Programms: »Der Unfertige« von Jan Soldat jansoldat »Mut zur erzählerischen Extravaganz«

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