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kreuzer_01_2016 - Musik

"Weltgrößte Gruppenkomposition": Thomas C. Heyde, Chef des Forums Zeitgenössischer Musik, zur europäischen Erstaufführung der "125 Party Pieces"

040 Musik 0116 Film 032 Spiel 038 Theater 048 Literatur 056 Kunst 060 Termine 072 Die Reihe »Cage 100« war 2012 die Initiative des Forums Zeitgenössischer Musik Leipzig (FZML) anlässlich des 100. Geburtstags des Komponisten John Cage. In diesem Rahmen ent- stand auch eine in diesem Ausmaß noch nicht da gewesene Gruppenkomposition mit mehr als 125 Komponistinnen und Komponisten aus aller Welt. Ausgangspunkt war das Werk »Party Pieces«, das Cage 1945 in New York mit vier Freunden gemeinsam während einer Party komponierte. Das zugrunde liegende Prinzip dieser künstlerischen Zusammenarbeit ist landläufig bekannt, vor allem vom Dichten und Zeichnen: als Spiel mit gefaltetem Papier, in dem es darum geht, einen Satz oder eine Zeich- nung durch eine Reihe von Personen zusam- menfügen zu lassen, ohne dass ein Mitspieler Kenntnis vom jeweils vorhergehenden Beitrag hat. Die Partitur der »125 Party Pieces« wurde im August 2013 bereits als kalligrafisches Kunst- werk in der GfZK ausgestellt und musikalisch in New York uraufgeführt. Die europäische Erst- aufführung in Leipzig spielt das Ensemble »Work in progress – Berlin« unter Gerhard Müller- Goldboom. Wir sprachen mit Thomas Christoph Heyde, dem künstlerischen Leiter des FZML, über den Entstehungsprozess der außergewöhn- lichen Komposition. kreuzer: Wie kam es zur konkreten Auswahl der Komponisten? THOMAS CHRISTOPH HEYDE: Wir hatten vier Dramaturgen, die sich durch eine erste Aus- wahl von 400 Komponisten gearbeitet haben. Dann haben wir besprochen, wer gut passen würde zu so einem Stück. Es sollte eine gewisse ästhetische Diversität haben, es sollten bei- spielsweise möglichst keine puren Elektroniker sein, es gab inhaltliche Kriterien. Wir fragten dann 140 Komponisten an und 127 haben am Ende mitgemacht. Wir haben bei Komponis- tinnen und Komponisten angefangen, die in Deutschland oder den USA geboren wurden, und dann ist das Stück während des Entstehungs- prozesses um die Welt gewandert, von Kuala Lumpur über Tokio und Australien nach Europa und so weiter, das hätte Cage sicher gefallen, weil sich da auch so viele Zufälle ergeben haben. kreuzer: Wie viel konnten die Musiker von dem sehen, was ihr jeweiliger Vorgänger geschrieben hatte? HEYDE: Es gab die Vorgabe, auf ein grafisches Notenblatt zu schreiben, fünf Takte oder eine Minute. Jeder hat dieses Blatt Papier in seiner eigenen Handschrift abgeliefert. Der nachfol- gende Komponist konnte jeweils nur den letzten Takt der vorherigen Komposition sehen – oder die letzten ein bis zwei Sekunden, wenn ohne Takte mit Zeitachse notiert wurde. Dieser letzte Abschnitt wurde weitergereicht. kreuzer: Auf welche Weise wurden die fünf Sätze festgelegt, in die sich das Werk gliedert? HEYDE: Das hat das chinesische Orakel I Ging festgelegt. Wir haben insgesamt 1.200 Mal Münzen geworfen, dadurch ist die Reihenfolge entstanden. kreuzer: Die Reihenfolge der einzelnen Künstler­ war auch durch dieses bekanntermaßen von ­Cage benutzte Zufallsprinzip ermittelt? HEYDE: Genau. Erst die Gruppen und nachher die jeweilige Reihenfolge. kreuzer: Folgt auch die Instrumentation dem ­Zufallsprinzip? HEYDE: Nein, sie wurde im Vorhinein festgelegt. Die Besetzung sollte gewährleisten, dass alle Beteiligten die Möglichkeit hatten, sich individu- ell auszudrücken, zum Beispiel auch ein Kom- ponist, der für Geige mit Vierteltönen schreibt. Nicht jeder hat für alle Instrumente geschrieben, viele haben eine eigene Auswahl getroffen, das ist sehr unterschiedlich. kreuzer: Wie lange war denn Zeit zum Kompo- nieren? HEYDE: Es gab einen streng durchdachten Zeit- plan. Es waren vier Tage Kompositionszeit plus Zeit für Versand und Kommunikation. kreuzer: Läuft trotzdem ein roter Faden durch die Komposition oder gibt es nun alle paar Sekunden einen starken ästhetischen Bruch? HEYDE: Wenn man zuhört, würde man nicht denken, dass es so viele Komponisten sind. Es gibt Brüche, die auch ästhetisch nachvollzieh- bar sind, aber es gibt überraschend viel weniger Brüche, als man vermuten könnte. Teilweise zieht sich ein Motiv, das einer begonnen hat, in der Partitur über viele Seiten hinweg durch. Wir haben von Anfang an kommuniziert, dass es immer Bezugnahme und Verweise auf die Arbeit des Vorgängers geben soll. Das hat gut geklappt. Teilweise haben sie sich sehr intensiv darauf eingelassen und die Bezüge aufgegrif- fen, was ich bei manchen nicht erwartet hätte. Vielleicht ist das ein Hinweis darauf, dass die Zeiten der sehr selbstbezogenen Avantgarde vor- bei sind. Ich finde, das ist ein sehr angenehmes Zeichen. Natürlich gibt es individuelle, wieder- erkennbare Sprachen. kreuzer: Ist denn für Ihre Begriffe ein Stück mit ästhetischer Relevanz entstanden oder war das alles eher ein großer Spaß für alle Beteiligten? HEYDE: Man könnte erst einmal denken, das ist ein großes interessantes Event, eine ungewöhn- liche Idee, immerhin die weltgrößte Gemein- schaftskomposition, die jemals gefertigt wurde, aber tatsächlich sind Kleinode entstanden, in zweierlei Hinsicht: Zum einen musikalisch, obwohl es sicher Höhen und Tiefen gibt, klar, aber auch grafisch, es gibt zauberhaft schöne Parti- turbilder. INTERVIEW: ANJA KLEINMICHEL ▶ »125 Party Pieces«: 20.1., 19.30 Uhr, UT Connewitz Thomas C. Heyde, Chef des Forums Zeitgenössischer Musik, zur europäischen Erstaufführung der »125 Party Pieces« »Das hätte John Cage sicher­ gefallen« Thomas C. Heyde neben einer Partiturseite aus den »125 Party Pieces« »Weltgrößte Gruppenkomposition« FORUMZEITGENÖSSISCHERMUSIKLEIPZIG,STEFFILOOS

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