
Admiral Brommy empfiehlt: Timothy Brooks "Wie China nach Europa kam"; Rezension: "Vorsicht Volk" von Markus Liske und Manja Präkels
057 Literatur0116 Termine 072 Kunst 060 Theater 048 Musik 040 Spiel 038 Film 032 Seit knapp zwei Jahren drängen seltsame poli- tische Bewegungen auf die Straße. Bei- spielsweise demonstrierte vorvergangenes Jahr eine selbst ernannte Friedensbewegung für den lupenreinen Demokraten Wladimir Putin; Akteure wie der Berliner Wahnwichtel Lars Märholz behaupten, Globalisierungskritiker zu sein, schwadronierten aber nur über eine jüdische Weltverschwörung und andere Hirn- gespinste; und auf Dresdens Straßen skandie- ren Zehntausende den historischen Slogan »Wir sind das Volk«, meinen damit aber nur das gemeingefährliche alte Blut-und-Hoden-Deutsch- tum. Woher kommt die Renaissance rechts- autoritärer Ideologie? Der Essay-Sammelband »Vorsicht Volk« betrachtet die neovölkischen Bewegungen aus verschiedensten Blickwinkeln. Inhaltlich wech- seln sich Erfahrungsberichte mit politischer Analyse und literaturwissenschaftlichen Ver- gleichen ab. Unter den 24 Autoren sind Jutta Ditfurth, Patrick Gensing, Willi Jasper, Kerstin Köditz, Julia Schramm und Deniz Yücel. Leider erfahren wir hier wenig Neues; das meiste konnte man so oder so ähnlich bereits in den Feuilletons großer Tageszeitungen lesen. Einer- seits schön, dass die verstreuten Ansätze nun zwischen zwei Buchdeckeln versammelt sind. Andererseits weist das Sammelsurium erheb- liche Lücken auf und geht über die altbekannte Kritik am germanisch-völkischen Nationalismus nicht hinaus. Die autoritäre Gesellschaftstradi- tion im Osten Europas, mit der sich zumindest teilweise auch die Dresdner Pegida-Bewegung erklären ließe, bleibt außer Acht, ebenso die per- manente wirtschaftliche Bedrohung, der die postmodernen Individuen im Neoliberalismus ausgesetzt sind. So wirkt »Vorsicht Volk« insgesamt ein bisschen hastig zusammengestoppelt und als Beitrag zur Erklärung des erstarkenden Rechtspopulis- mus nicht ganz auf der Höhe der Diskussion. CLEMENS HAUG ▶ Markus Liske und Manja Präkels (Hg.): Vorsicht Volk! Oder: Bewegungen im Wahn? Berlin: Verbrecher Verlag 01. 0 S., 1 € Frii es de See Gelehrt und scharfsinnig: Timothy Brooks »Wie China nach Europa kam« Obwohl die Seestreitkräfte des Deutschen Bundes, die der in Leipzig geborene Literat und Admiral Karl Rudolf Brommy befehligte, unter der schwarz-rot-goldenen Revoluz- zerflagge fuhren, hieß diese erste gesamtdeutsche Flotte von 1848 nicht »Bundes«-, sondern »Reichsflotte«. Warum? Der Name war programmatisch: Aus dem Deutschen Bund, einer losen Konföderation souveräner Fürsten und Städte, sollte ein vereintes Reich werden. Dazu ist es, wie man weiß, erst 1871 gekommen. Allerdings war das Kaiserreich nicht das Deutschland, das sich Brommy und die Revolutio- näre von 1848 erträumt hatten. Aber wozu brauchte der Deutsche Bund überhaupt eine Flotte? Die meisten Staaten, die ihm angehörten, etwa Sachsen, Bayern oder Schwarzburg-Sondershausen, besaßen gar kei- nen Meereszugang. 1848 nahmen jedoch die Dänen als Maßnahme gegen die aufständischen Schleswig-Holsteiner eine Blockade der deutschen Küsten auf und brachten damit den Seehandel zum Erliegen. Die Reichsflotte sollte vor allem deutsche Handelsinteressen schüt- zen und durchsetzen; sie sollte gegen Dänemark eingesetzt werden. Und das nicht nur in hei- mischen Gewässern, son- dern auch am Öresund, jener Meerenge, die das Kattegat mit der Ostsee verbindet. Seit dem Mittel- alter musste nämlich jedes Schiff, das den Sund passierte, eine gepfefferte Gebühr an die Dänen ent- richten. Von jeher war dieser Öresundzoll allen Handel treibenden Natio- nen ein Dorn im Auge. Der Ökonom Friedrich List, auf dessen Initiative bekanntlich auch die erste Ferneisenbahnstrecke zwischen Leipzig und Dresden zurückgeht, etwa forderte unverhohlen einen Zollkrieg gegen den »nordischen Raub- staat«. »Frii es de See«, heißt es in Detlev von Lilien- crons Ballade »Pidder Lüng«, die noch heute, jedenfalls in Nordfriesland, jeder Schüler aus- wendig lernen muss. Die Idee, dass die hohe See der Gewalt einzelner Staaten entzogen sein und allen zur freien Nutzung zur Verfügung stehen soll, stammt von dem niederländischen Philosophen und Juristen Hugo Grotius (1583– 1645). Und grosso modo hat sie sich durchge- setzt, zumindest theoretisch. Wenn es um geo- strategische Interessen geht, sieht die Praxis meist komplizierter aus. So streiten sich gegen- wärtig nicht weniger als fünf Staaten um territo- riale Ansprüche auf bestimmte Gebiete und Inseln im Südchinesischen Meer. Durch die Seegebiete Südostasiens verliefen schon immer bedeutende Handels- wege. Wer sich in diesen Gewäs- sern auskannte, hatte der Kon- kurrenz gegenüber einen entscheidenden Vorteil. Davon zeugt auch eine erstaunlich genaue Karte von Ostasien aus dem 17. Jahrhundert, die in der Bodleian Library der Universität Oxford aufbe- wahrt wird. Sie stammt aus dem Besitz eines gewis- sen John Selden (1584–1654). Dieser Selden war ein bemerkens- werter Bursche. Als Jurist, Philosoph und Orientalist war er sozusagen das englische Gegenstück zum (bis heute weitaus bekannte- ren) holländischen Universalgenie Grotius. Wie die ominöse Karte in Seldens Besitz gelangte, wissen wir nicht. Fest steht, dass sie chinesischer Herkunft ist, aber wie der unbekannte Kartograf zu einer derartig präzisen Darstellung imstande war, bleibt rätselhaft. Der kanadische Sinologe Timothy Brook hat sich darangemacht, ihr Geheimnis zu lüften. Um es gleich zu sagen: Es gelingt ihm nicht. Sein Buch »Wie China nach Europa kam« handelt vor allem, wie Brook selbst einräumt, »von den Men- schen, deren Geschichten die Wege der Karte kreuz- ten«. Aber es ist faszinie- rend, mit welcher Gelehr- samkeit und welchem Scharfsinn Brook zu Werke geht. Er macht uns mit Seldens Leben und Werk bekannt, wir erhalten Einblicke in die Anfänge der englischen Orienta- listik, die Wirtschaftsge- schichte Südostasiens und so weiter und so fort. Dabei wird klar, wie vernetzt die Welt bereits vor vierhundert Jahren gewesen ist. Darum ist »Wie China nach Europa kam« nicht allein ein ungemein lehrreiches und spannendes, sondern auch ein höchst aktuelles Buch. Brommy, der alte Freiheitskämpfer der Meere, hätte es sich mit Sicherheit in seine Bordbibliothek gestellt. OLAF SCHMIDT ▶ Timothy Brook: Wie China nach Europa kam. Die unerhörte Karte des Mr. Selden. Aus dem Englischen von Robin Cackett. Berlin: Verlag Klaus Wagenbach 01. S., ,0 € | Rezension | | Rezension | Admiral Brommy empfiehlt Blut und Hoden Der Sammelband »Vorsicht Volk«