
Belladonna of Sadness; Entertainment; Das Geständnis; Hedis Hochzeit
038 Film Rezensionen Spiel 036 Musik 044 Theater 056 Literatur 066 Kunst 070 Termine 092 0916 01 02 03 04 01 BELLADONNA OF SADNESS BERAUSCHENDE ZEITREISE J 1973, OmU, 93 min, R: Eiichi Yamamoto KKKKK Bereit für eine kunstvolle Zeitreise? In die siebziger Jahre, denen die- ses außergewöhnliche Werk ent- stammt mit seiner offen zur Schau gestellten Sexualität und dem Jazz- Pop des japanischen Avantgarde- künstlers Masahiko Satoh. Gleicher- maßenauchinsJahr1862,indemder Roman »Die Hexe« des Historikers Jules Michelet erschien. Im Rahmen einer fiktiven Hexengeschichte for- mulierte er darin seine Kritik an der Unterdrückung der Frauen und der Bauernschaft. Aber auch noch wei- ter zurück, in die Zeit der Franzö- sischen Revolution und das Leben der Jeanne D’Arc im 15. Jahrhun- dert. Nicht umsonst heißt auch die Protagonistin von »Belladonna of Sadness« Jeanne. Ihr Liebhaber Jean wird vom Despoten geknech- tet, seine zukünftige Gemahlin vom Fürsten vergewaltigt. Jeanne wünscht sich Macht und erhält sie, von einem Teufelchen in Phallus- form. Bald wandelt sie sich zu einer gottgleichen Figur und versam- melt das Volk unter sich. Doch der Fürst lässt den Verlust seiner Macht nicht auf sich sitzen. In kunstvol- len Aquarellen erzählt Yamamoto ein psychedelisches Märchen für Erwachsene, explizit und drastisch. Basierend auf einem Originalkon- zept vom »Gott des Anime« Osamu Tetzuka, angelegt als Gegensatz zu den Animes für Kinder, die damals den Markt beherrschten. Das meist statische Kunstwerk erzeugt eine einzigartige Sogwirkung, man ver- liert sich in den kunstvollen Colla- gen, deren Stil beeinflusst ist von europäischen Künstlern wie Gustav Klimt und Aubrey Beardsley. Yama- motos »Belladonna of Sadness« übte maßgeblichen Einfluss auf das Genre, wie wir es heute kennen, aus und wirkt doch wie ein faszinie- render Fremdkörper in der Film- geschichte. Über 40 Jahre nach sei- ner Uraufführung bei der Berlinale erscheint der Anime nun erstmals digital überarbeitet in einer restau- rierten 4K-Fassung. LARS TUNÇAY ▶ Schaubühne Lindenfels, 1.-3., 7./8., 10., 13./14.9. 02 ENTERTAINMENT STAND-UP-HORROR USA 2015, 102 min, R: Rick Alverson, D: Gregg Turkington, John C. Reilly KKKKK Ein namenloser Comedian mit fetti- gen Haaren, Achtziger-Jahre-Brille und einem zwischen Rohrkrepie- rer-Witzen und Publikumsbeleidi- gungen changierenden Programm tourt durch die Gegend um die Mojave-Wüste. Gelacht wird bei seinen Auftritten wenig, gesoffen viel. Sein Showpartner ist ein jun- ger Mann mit Clownsnase, der in seinem Segment nichts weiter tut, als idiotisch zu grinsen und mit den Armen ein Hühnchen zu imitieren. An freien Nachmitta- gen besucht der Comedian skur- rile Touristenattraktionen in der Hitze Kaliforniens. Flugzeugfried- höfe, Silbergräberstädtchen, sol- che Sachen. Seine Laune erscheint in diesen Stunden der Muße noch mieser als auf der Bühne. Men- schen, die ihm freundlich begeg- nen, stößt er vor den Kopf. Ein- zig bei seiner Tochter, der er jeden Abend auf die Mailbox quatscht, zeigt er eine liebevolle Seite, was deren Schweigen umso grausamer macht. Wie in Rick Alversons letz- tem Werk erscheint auch in »Enter- tainment« der Titel als Antithese zum Programm des Films. Demas- kierte er in »The Comedy« den Hedonismus und die Ironie eines New Yorker Oberschichten-Hips- ters als Borderline-Soziopathie, so scheint er im neuen Film bewei- sen zu wollen, dass die Entertain- ment-Industrie die unglücklichsten Kreaturen unter der Sonne gebiert. In Interviews bekennt Alverson seine Abneigung gegen die urame- rikanische Kunstform der Stand- up-Comedy, die er als substanzlos und anbiedernd beschreibt. Man muss diese Diagnose nicht teilen, um »Entertainment« zu respektie- ren als zwar deprimierenden, aber selbstbewusst erzählten und visu- ell einfallsreichen Road trip ins Reich seelischer Finsternis. Neben dem Avantgarde-Comedian Gregg Turkington, der die von ihm eigent- lich für die Bühne erfundene Figur im Film spielt, glänzen in kleineren Rollen Tye Sheridan, John C. Reilly und Michael Cera. JOHANNES SCHADE ▶ Luru-Kino in der Spinnerei, ab 15.9. 03 DAS GESTÄNDNIS DIE BERUFENEN D 2015, 118 min, R: Bernd Michael Lade, D: Bernd Michael Lade, Wilhelm Eilers KKKKK InderBerlinerMorduntersuchungs- kommission am Alexanderplatz wird im Jahr 1988 in knautschi- gen Lederjacken und in sozialisti- schem Vokabular täglich in Mord- fällen und zum Zustand der DDR ermittelt. Eine müde Truppe, beste- hend aus dem politischen Hardli- ner, dem Blödmann – der natürlich »ostdeutsch« spricht –, dem Korrek- ten, dem Gleichgültigen und dem Aufsässigen. Micha – gespielt von Autor und Regisseur Bernd Michael Lade – ist der überaus sympathische Antiheld des Films und leider die einzig glaubhafte Figur in diesem Stromberg-Kammerstück in Ostäs- thetik. Die Färbung des Films ver- weigert sich jeder Vitalität, hier ist Herbst, hier weht kein revolutionä- rer Geist mehr, hier liegt alle Utopie und Hoffnung auf den »Neuen Men- schen« im Sterben. Immerhin gibt es viel Blickkontakt. Die Kamera ignoriert konsequent die Hori- zontlinie, die Räume liegen schief – wie auf einem untergehenden Schiff, sicher keine zufällige Idee, wirkt aber auf Dauer zu bemüht. Mit Schreibmaschinenschrift wer- den die Tage datiert: Die nachge- ahmte Protokollästhetik echter Agententhriller wirkt genauso auf- dringlich requisitenhaft wie das Honecker-Bild, der Schnaps in den Mitropa-Tassen, die Stellungnah- men, die Wandzeitung oder die ständigen Parteigruppenversamm- lungen, und der Major der Truppe heißt natürlich »Panzer« mit Nach- namen. Was soll das? So hat die DDR also innen ausgesehen, aha. Und warum wird jeder Szenenwechsel von einem Reißverschlussgeräusch begleitet? Was will überhaupt diese Musik, die sich hämmernd über die Dialoge legt und sich immer im fal- schen Moment aufspielt, als gäbe es gleich was ganz Wichtiges zu sehen? »Das Geständnis« ist gut gemeint, aber letztlich doch leblos, fad und dramaturgisch einfallslos. Oder, um es mit einem Zitat aus dem Film selbst zu sagen: »Denn viele sind berufen, aber wenige sind auser- wählt.« KRISTIN VARDI ▶ Schaubühne Lindenfels, 12., 15.-18., 20., 24., 27./28.9. 04 HEDIS HOCHZEIT AUFBRUCHSSTIMMUNG TUN/B/F 2016, 88 min, R: Mohamed Ben Attia, D: Majd Mastoura, Rym Ben Messaoud, Sabah Bouzouita KKKKK Hedi lächelt nie. Weder in seinem Job als Vertreter einer Autofirma, noch wenn er mit seiner Mutter am Tisch der Eltern seiner zukünftigen Braut sitzt. Nicht einmal, wenn er sich nachts zu Khedija stiehlt und sie im Schatten einer Gasse im Auto sitzen. Schon immer wurde Hedis Leben ferngesteuert von seiner überambitionierten Mutter. Ständig muss er sich Vergleiche mit seinem großen Bruder gefallen lassen, der es »zu etwas gebracht hat« und mit seiner Frau in Frankreich lebt – in Wahrheit wollte er selbst so weit wie möglich von zu Hause weg. Als Hedi von seinem Chef ans Meer versetzt wird, trifft er auf Rim, die als Ani- mateurin für die Touristen in einem Hotel tanzt. Ihre Lebenslust und der Duft der weiten Welt entfachen in ihm eine ungekannte Leiden- schaft. Hedi kann endlich wieder lächeln. Doch das alte Leben hinter sich zu lassen, ist nicht so einfach. Hedis Situation ist ein Spiegel sei- ner Heimat Tunesien. Hin- und her- gerissen zwischen Tradition und Moderne verändert sich das Land nach den ersten demokratischen Wahlen vor zwei Jahren. Die neu gewonnene Freiheit überfordert auch Hedi, der sonst seinem arabi- schen Namen entsprechend ruhig und gelassen agiert. Majd Mastoura, der in diesem Jahr den Darsteller- preis auf der Berlinale erhielt, ver- körpert ihn mit einer zurückhal- tenden Körperlichkeit. Hinter der stillen Fassade schwelt ein Vulkan. Autor und Regisseur Mohamed Ben Attia liefert mit seinem Regie- debüt eine interessante Bestands- aufnahme der Stimmung in seiner Heimat. Ruhig erzählt zwischen der Enge der Großstadt und den weiten Einstellungen am Meer, zwischen Gesellschaftskritik und Liebesge- schichte, versehen mit einem Fun- ken Hoffnung, aber die Realität im Blick. Tunesien wird sich verändern, ebenso wie Hedis Leben. Aber Ver- änderungen brauchen Zeit. Ein star- kes Debüt, das in Berlin als bester Erstlingsfilm ausgezeichnet wurde. LARS TUNÇAY ▶ Passage Kinos, ab 22.9. 01020304